Goethe im Gegenlicht

„Der Himmel gab dir eine Feuerzunge…“

Reich an Worten, aber arm an Taten – das war Goethes Leben. Zumindest war es das, wenn wir sein Leben durch die Augen des in Frankfurt geborenen Journalisten und Literaturkritikers Carl Ludwig Börnes (1786-1837)  betrachten. Zusammen mit Heinrich Heine wird Börne zu recht als einer der Wegbereiter der modernen Literaturkritik gehandelt. Er brachte nicht nur in stilistischer Hinsicht frischen Wind in die bis dahin noch als „literarische Betrachtungen“ bezeichneten Feuilletons. „Aufgeregt“ und „gereizt“ hat er die Leser vor allem – wie Ludolf Wienbarg in einer Rezension von Börnes Schriften prophezeite – durch seinen antikonventionellen Ton und durch seine Verflechtung von Literatur- und Gesellschaftskritik. Vom verhassten Medizinstudium, das er auf Drängen des Vaters aufnahm, über das Studium der Rechtswissenschaften zum Polizeiaktuar, ist er schließlich 1830 als Publizist und Journalist im revolutionären Paris „angekommen“. Börne hegte große Sympathie für die Bewegung „Junges Deutschland“ und engagierte sich in seinen Schriften für die Verbreitung der demokratischen Idee als Voraussetzung der Freiheit.

Was die Beziehung zu Johann Wolfgang Goethe angeht, so ist das Urteil von Börne zwiegespalten: Einerseits teilte er mit dem in aristokratischen Verhältnissen aufgewachsenen Goethe die romantische Idee vom Aufbrauch und der Freiheit eines vereinten Deutschlands. Andererseits kritisierte Börne sein mangelndes politisches Bewusstsein, da Goethe nach ihm eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der französischen Revolution zeigte. Vor allem missfiel ihm, dass Goethe sich nicht affektiv an den Umwälzungen der 1830er Jahren beteiligte, sondern sich ausschließlich schriftstellerisch betätigte.

Am deutlichsten formulierte Börne diese Kritik in „Aus meinem Tagebuche 1828/1829“:

„Goethe hätte ein Herkules sein können, sein Vaterland von großem Unrate zu befreien; aber er holte sich bloß die goldenen Äpfel der Hesperiden [Fußnote], die er für sich behielt, und dann setzte er sich zu den Füßen der Omphale [Fußnote] und blieb da sitzen. Wie ganz anders lebten und wirkten die großen Dichter und Redner Italiens, Frankreichs und Englands! Dante, Krieger, Staatsmann, ja Diplomat, von mächtigen Fürsten geliebt und gehaßt, beschützt und verfolgt, blieb unbekümmert um Liebe und Haß, um Gunst und Tücke, und sang und kämpfte für das Recht. Er fand die alte Hölle zu abgenutzt und schuf eine neue, den Übermut der Großen zu bändigen und den Trug gleißnerischer Priester zu bestrafen. Alfieri war reich, ein Edelmann, adelstolz, und doch keuchte er wie ein Lastträger den Parnaß hinauf, um von seinem Gipfel herab die Freiheit zu predigen. Montesquieu war ein Staatsdiener, und er schrieb seine persischen Briefe, worin er den Hof verspottete, und seinen Geist der Gesetze, worin er die Gebrechen Frankreichs richtete. Voltaire war ein Höfling; aber nur schöne Worte verehrte er den Großen und opferte ihnen nie seine Gesinnung auf. Er trug eine wohlbestellte Perücke, feine Manschetten seidene Röcke und Strümpfe; aber er ging durch den Kot sobald ein Verfolgter um Hülfe schrie, und holte mit seinen adeligen Händen schuldlos Gerichtete vom Galgen herab. Rousseau war ein kranker Bettler und hülfsbedürftig ; aber nicht die zarte Pflege, nicht die Freundschaft, selbst der Vornehmen, verführte ihn, er blieb frei und stolz und starb als Bettler. Milton vergaß über seine Verse die Not seiner Mitbürger nicht und wirkte für Freiheit und Recht. So waren Swift, Byron, so ist Thomas Moore. Wie war, wie ist Goethe? Bürger einer freien Stadt, erinnert er sich nur, daß er Enkel eines Schultheißen ist, der bei der Kaiserkrönung Kammerdienste durfte tun. Ein Kind ehrbarer Eltern, entzückte es ihn, als ihn einst als Knabe ein Gassenbube Bastard schalt, und er schwärmte mit der Phantasie des künftigen Dichters, wessen Prinzen Sohn er wohl möchte sein. So war er, so ist er geblieben. Nie hat er ein armes Wörtchen für sein Volk gesprochen, er, der früher auf der Höhe seines Ruhms unantastbar, später im hohen Alter unverletzlich, hätte sagen dürfen, was kein anderer wagen durfte. Noch vor wenigen Jahren bat er die »hohen und, höchsten Regierungen« des deutschen Bundes um Schutz seiner Schriften gegen den Nachdruck. Zugleich um gleichen Schutz für alle deutschen Schriftsteller zu bitten, das fiel, ihm nicht ein. Ich hätte mir lieber wie einem Schulbübchen mit dem Lineal auf die Finger klopfen lassen, ehe ich sie dazu gebraucht, um mein Recht zu betteln, und um mein Recht allein!

Goethe war glücklich auf dieser Erde, und er erkennt sich selbst dafür. Er wird hundert Jahre erreichen; aber auch ein Jahrhundert geht vorüber, und ewig sitzt die Nachwelt. Sie, die furchtlose, unbestechliche Richterin, wird Goethe fragen: Dir ward ein hoher Geist, hast du je die Niedrigkeit beschämt? Der Himmel gab dir eine Feuerzunge, hast du je das Recht verteidigt? Du hattest ein gutes Schwert, aber du warst nur immer dein eigner Wächter! Glücklich hast du gelebt, aber du hast gelebt..“

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