Kommunitarismus

Gemeinsinn als sozialer Kitt der Gesellschaft

Kommunitarismus kann als fundamentale Gesellschaftskritik am Modell westlich-liberaler Gesellschaften verstanden werden. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Kommunitaristen und Liberalen steht die Kontroverse nach den politischen Rahmenbedingungen für die Verwirklichung von Freiheit. Während die liberale Position im Kern individuelle Rechte und politische Neutralität gegenüber allen Fragen persönlicher Selbstverwirklichung propagiert, hält die kommunitaristische Position dagegen, dass nur eine an Gemeinsinn orientierte Gesellschaft überleben könne. Eine aus Individuen bestehende Gesellschaft, in der jeder für sich ausschließlich eigennützige Interessen verfolge, hätte eine „Atomisierung“ zur Folge und untergrabe sich schließlich selbst. Daher sei ein Horizont gemeinschaftlich geteilter Werte unerlässlich für das Fortbestehen eines demokratischen Staates überhaupt. Der Einzelne wird dabei als „situated self“ (M. Sandel) verstanden, der in den Kontext seiner Gemeinschaft eingebettet ist, also in den Geschichten, Erzählungen, Gewohnheiten und Wertüberzeugungen. Nicht die Freiheit von, sondern die Freiheit zu, d. h. die Zugehörigkeit des Einzelnen, sei das zentrale Elemente demokratischer Gesellschaften.

Seinen Ausgangspunkt nahm die Diskussion in den achtziger Jahren in den USA als Gegenreaktion zum „entfesselten Neoliberalismus“, wobei John Rawls mit seinem Werk „Eine Theorie der Gerechtigkiet“ (1971) als Initialzündung gelten kann. Seit den 1990er Jahren wurde die Kontroverse einerseits auch von europäsichen Wissenschaftlern rezipiert, andererseits ließen sich auch in der als „Dritten Weg“ bezeichneten Politik Bill Clintons und Gerhard Schröders zum Teil kommunitaristische Ideen wiederfinden. Dass die primär philosophische Fachdiskussion die Schwelle zu einer breiteren Öffentlichkeit überscheiten konnte, lag nicht zuletzt an ihren an Stimmungslagen orientierten Leitbegriffen.

Da sich die Gruppe um den Kommunitarismus von Anbeginn aus verschiedenen Akteuren der Moralphilosphie, Sozial- und Politikwissenschaften zusammensetzte, sind entsprechend ihre Positionen heterogen und gehen im Einzelnen weit auseinander.

Im Folgenden sollen zwei markante Theorievarianten vorgestellt werden, die sich gleichsam an den äußeren Rändern der Bandbreite von Kommunitarismustheorien entgegenstehen: 1. konservativer Kommunitarismus, 2. universalistisch-egalitärer Kommunitarismus.

Konservativer Kommunitarismus

Die konservative Variante sieht die Gemeinschaftsbindung des Individuums als konstitutiv an. Da der Mensch immer in eine ganz bestimmte, vom Zeitgeist geprägte Familie und Kultur heineingeboren wird, bedarf es für ein erfülltes Leben der Erhaltung dieser überkommenen Lebensformen. Mittels individueller Selbstbestimmung habe der Mensch zwar immer auch die Wahl, sich für andere oder neue Lebensformen zu entscheiden. Allerdings berge eine übermäßig große Auswahlmöglichkeit die Gefahr, den Einzelnen zu desorientieren, schlimmstenfalls gänzlich zu entwurzeln. Lange überlieferte Institutionen oder Lebensweisen hätten gegenüber dem individuelle Verstand den Vorteil, dass er sich durch ein Mehr an Vernünftigkeit und Zweckmäßigkeit auszeichne. Das Moralverständnis der konservativen Kommunitarier geht deshalb von dem Erfordernis einer starken und homogenen Binnenmoral der Gesellschaft aus. Diese sei stabilisierende Richtschnur für das Individuum, um zwischen „gut“ und „böse“, „gerecht“ und „ungerecht“ unterscheiden zu können.

In politischer Hinsicht verfolgt diese Variante das Modell eines Staates und einer Rechtsordnung, das konstituiert ist durch Loyalität, Verständnis und Fürsorge zwischen den Bürgern der Gemeinschaft. Grundvoraussetzung für eine solche Politik sei jedoch, dass innerhalb des Staates eine gewisse Verträglichkeit zwischen den Ethnien, Klassen, Religionen, Sprachen oder Lebensformen herrsche.

Diese nach „Innen“ propagierte Homogenität der Gemeinschaft wird durch eine relativ starke Abgrenzung nach „Außen“, also primär in Richtung anderer Staaten und Völker, erreicht. Dies kann auf ein starres Freund-Feind-Schema hinauslaufen, wonach nur diejenigen Freunde sind, deren Kultur und Werte am Besten mit den eigenen korrespondieren.

Universalistisch-egalitärer Kommunitarismus

Im Zentrum dieser Ansicht steht der Mensch als autonomes Individuum, dass vernunftmäßig selbst entscheiden kann und sollte, was für ihn ein erfülltes ausmacht. Zwar gebe es eine starke Bindung des Individuums an traditionelle Institutionen wie Familie und andere soziale Gemeinschaftsformen. Letztendlich forme sich der Mensch jedoch selbst, indem er diejenige für sich sinnvolle Gemeinschafte auswählt, in der er meint, „glücklich“ zu werden.

Der Begriff der Freiheit wird demnach definiert als Wahlfreiheit zu vorgefundenen oder erst konstruierten Gemeinschaften. Dabei gebe es keinesfalls einen moralischen Vorsprung traditionaler Gemeinschaftsformen. Die Gesellschaft konstituierend und Einigkeit stiftend sei vielmehr die Einsicht, dass allen Menschen eine Selbstzweckhaftigkeit immanent sei. Da das Leben eines jeden Menschen unabhängig seines Lebensentwurfes gleich viel wert sei, müssen man auch jedem gegenüber das gleiche Maß an Respekt und Fürsorge zollen.

Ist es beim konservativen Kommunitarismus eine traditionale Binnenmoral in konkreter Ausformung, so hält sich das Moralverständnis dieser Ansicht in der Abstraktheit, dass sich Subjekte in einer Gemeinschaft schon deshalb solidarisch aufeinander beziehen können, weil und wenn sie Freiheit als gemeinsames Gut betrachten.

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