Auf der Suche nach Identität

Die Renaissance des romantischen Nationalismus

In der gegenwärtigen Diskussion um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und seiner parlamentarischen Demokratie mehren sich Stimmen, die in dem gegenwärtigen liberal-pluralistischen Parteiensystem eine Gefahr sehen. Die parlamentarische „Parteienherrschaft“ habe sich von den Bürgern abgekoppelt und verselbständigt, die Souveränität des Volkes sei nur noch eine Farce.

Im Sinne eines Gegenmodells werben die Kritiker für ein identitäres Demokratieverständnis. Demokratische Legitimation werde nur geschaffen durch eine weitgehende Übereinstimmung der Auffassungen von Regierung und Volk. Vor allem müsse sich die Politik anstelle von konkurrierenden Interessen an einem feststehenden Gemeinwohl ausrichten. Mit Rekurs auf Rousseau und Carl Schmitt unterscheiden die Kritiker einen auf das Gemeinwohl bezogenen Gemeinwillen von einem auf die Summe aller Privatinteressen bezogenen Gesamtwillen. Zwar sei der von allen Bürgern  gebildete Gesamtwille stets ein richtiger, allerdings brauche es eine politische Führung, die jenseits kurzfristigen Denkens das „Ganze“ im Auge behalte und auch danach entscheide. Die eigentliche Legitimation der Regierung erfolge deshalb nicht durch ein minutiös gestaltetes Abstimmungsverfahren. Der Wille des Volkes drücke sich viel stärker durch Akklamation, durch selbstverständliches, unwidersprochenes Dasein aus, das seinen Ursprung in einem tiefen Gefühl der Verbundenheit gegenüber den Regierenden habe.

Am äußeren Rand dieser neuen vornehmlich rechtskonservativen Strömung sind gefährliche Tendenzen auszumachen. Durch die Umdeutung des Begriffs der Demokratie wird versucht eine nationalistische Weltanschauung politisch zu etablieren, die eindeutig darauf abzielt, gesellschaftliche Minoritäten zugunsten eines homogen konstruierten Staates auszuschließen. Auftrieb bekommen diese Kritiker von einer angeheizten Integrationsbatte, in welcher primär der Mehrheitsgesellschaft die islamische Religion als Bedrohungspotenzial für Deutschland vor Augen geführt wird.

Mit welch anachronistischen Vorstellungen und Weltbildern die neokonservativen Vertreter arbeiten, wird im Folgenden anhand eines historischen Rückblicks auf den romantischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts skizziert. Nationalistische Argumentationsmuster in aktuellen Debatten entlarven zu können und zu dekonstruieren, soll Zielstellung des folgenden Beitrags sein.

Identitäres Demokratieverständnis

Der Weg zu einer Demokratie der Identität ist nach Meinung der rechtskonservativen Kritiker nur auf Basis einer gesellschaftlichen Homogenität zu erreichen. Anknüpfungspunkt bildet dabei für sie eine kulturell-ethnologische Unterscheidung zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“. Zumeist wird sich einer fingierten Entstehungsgeschichte des eigenen Volkes bedient, die wesentlich weiter zurückreichen soll als aktuell gesellschaftliche Konflikte. Damit entsteht eine Art „Mythos der eigenen Ursprünglichkeit“, der sich häufig aus im Einzelnen unschlüssigen historischen Überlieferungen speist. Aufgrund gemeinsamer Merkmale wie Herkunft, Glauben, Sprache und Kultur gebe es ein Zusammengehörigkeitsbewusstsein dieses konstruierten Kollektivs.

Bezeichnenderweise bleiben die Kritiker eine Erklärung schuldig, warum einerseits gerade Merkmale entscheidend sein sollen, die im Globalisierungsprozess obsolet geworden sind. Andererseits wird nicht begründet, weshalb bereits aus dem Vorhandensein gemeinsamer Merkmale zwangsläufig ein Zusammengehörigkeitsgefühl erwachsen soll.  Mangels hinreichender Selbstbeschreibung des eigenen Kollektivs stellen die Kritiker deswegen das andere Kollektiv umso schärfer gegenüber. In diesem Lichte erscheint das „Eigene“ plötzlich hell und trennscharf, erschöpft sich in Wirklichkeit aber nur als Gegensatz des „Anderen“. Verfestigt wird die eigene Identität noch mit einem existenzbedrohenden Widerspruch, der zwischen uns und den Anderen herrsche, indem dem fremden Kollektiv der Zweck unterstellt wird,  den Bestand des eigenen Kollektivs vernichten zu wollen.

Anachronistischer Kulturbegriff

Eine zentrale Stellung nimmt bei vielen Kritikern der in heutiger Zeit uneinheitlich konnotierte Begriff „Kultur“ ein. Ein Rückbesinnung auf die eigene Kultur sei entscheidend, um sich wieder als einheitliche Nation fühlen zu können. Herangezogen wird dazu allerdings nicht eine Kulturdefinition aus neuester Forschung, sondern eine anachronistische Deutung wie sie Johann Gottfried Herder in seinem 1784 – 1791 erschienenen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ vorgenommen hat. Nach Herder ist Kultur, in Anlehnung an Kant, eine individuelle Substanz eines Volkes, die diese von anderen prägnant unterscheidet. Der Ursprung von verschiedenen Kulturen sei die jeweilige Anpassung an natürliche und klimatische Verhältnisse. Drei Grundannahmen kennzeichnen nach Herder Kultur, nämlich 1. die soziale Homogenisierung, 2. die ethnische Fundierung sowie 3. die interkulturelle Abgrenzung:

1. Kultur prägt ohne weitere Differenzierung das Leben eines ganzen, in sich homogenen Volkes,

2. Kulturen sind an Völker gebunden. Sie sind „die Blüte“ (Herder) das Daseins eines Volkes,

3. auf der Basis von Kultur grenzen sich Völker voneinander ab.

Dass ausgerechnet die politisch motivierten Kritiker heutzutage auf Herders Definition zur Abgrenzung der „Anderen“ rekurieren, ist bei weitem kein Zufall, sondern vielmehr eine bewusste Renaissance. Er findet in der deutschen Geschichte selbst seine Vorläufer.

Unter dem prägenden Einfluss der europäischen Romantik im frühen 19. Jahrhundert bildete sich eine Art „romantischer Nationalismus“ (Nipperdey) heraus, der noch die gesamte Epoche hindurch bestimmend werden sollte. Die Grundannahmen dieser ersten Nationalisten bestanden darin, dass alle Kultur national zu verstehen sei und sich eine Nation ausschließlich über ihre Gemeinsamkeit der Kultur definieren könne. Diese Ansicht kontrastiert den politischen Nationalismus der französischen Revolution, der die Nation demokratisch auf Staatsbürgerschaft und Volkssouveränität gründet.

Die Einheit von Nation, Volk und Kultur

Für die Romantiker hingegen stand der nationale Charakter der Kultur im Zentrum der intellektuellen Aktivität wie des emotionalen Engagements. Das Eigene erschien ihnen etwa in der gemeinsamen deutschen Sprache. Sie sei der Schlüssel zum Geist des Volkes, da mit ihr und in ihr eine unverwechselbare „Welt-Anschauung“ zum Ausdruck komme. Die Wörterbücher zu jener Zeit, wie etwa das vielbändige von Jacob Grimm, verweilten nicht lediglich bei einer schlichten Worterläuterung, sondern hatten den Anspruch die etymologischen Wurzeln deutschen Sprachgebrauchs freizulegen. Die damit verfolgte Absicht, die sich auch in den zahlreichen philologischen Vereinen zur Pflege der deutschen Sprache widerspiegelte, war das Deutsche von fremden Einflüssen wie dem Latein „zu reinigen“.

Ein weiterer Bezugspunkt für die romantischen Nationalisten war die Geschichte, und zwar in erster Linie positive historische Ereignisse und Erscheinungen. So fand regelrecht eine Überhöhung des Germantums statt, indem die noch unverfälschten und „reinen“ Sachsen oder Teutonen als wahrhaftig und ehrenhaft dargestellt wurden. Einhergehend mit dem historischen Interesse versuchte man die ursprünglichen Sitten, Gebräuche und Vorstellungen der einfachen germanischen Völker herauszudestillieren. In konzentrierter Form wurde damit in den im 19. Jahrhundert unzählig veröffentlichten „Volksgeschichten“ und „Volksliedern“ ein lebendiges Bild des wahren Deutschen gezeichnet.

Auch in der Kunst ist diese romantisch-verklärte Sicht auf die Einheit von Nation und Volk zu erkennen. Der Kölner Dom beispielsweise fand deshalb so viel Zuspruch zum Nationaldenkmal trotz konfessioneller Unterschiede, weil der gotische Stil angeblich ursprünglich deutsch gewesen sei, zumindest jedoch den Charakter des deutschen Volkes am besten ausdrücke. Diese Kulturversessenheit setzt sich weiter im Schulwesen fort. Das nationale Erbe erwächst von nun an zum zentralen Inhalt der Erziehung und Bildung.

Durch die Ausformung zu einem kulturellen Nationsbegriff gewann der romantische Nationalismus schließlich politische Bedeutung. Die Konstruktion einer gemeinsamen kulturellen Identität verlangte fast schon zwangsläufig nach einem einheitlichen Staat mit klaren nationalstaatlichen Grenzen. Der Staat sollte einen schützenden Raum bieten, in welchem sich die Individuen erst richtig als Nation fühlen könnten. Die Transformierung der vorher nur gedanklich erfahrbahren „kulturellen“ Grenze in eine sichtbar-gegenständliche Landesgrenze sollte primär durch Exklusion der und Abschottung vor Fremden die eigene kulturelle Identität sichern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verband sich der romantische Nationalismus mit der Idee der Volkssouveränität und den liberalen Freiheitsrechten und wurde schließlich legitimierende Idee und treibende Kraft auf nationale Selbstbestimmung.

Ursprünglich hatte der romantische Nationalismus zwar universalistische und humanitäre Wurzeln, im Verhältnis zu Minderheiten verhielt er sich indes ambivalent. So gab es zum einen den Geist der Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Sprachen und Identitäten, der die Minoritäten mit dem deutschen Nationalstaat versöhnen sollte. Zum anderen jedoch herrschte eine große Furcht, dass gerade diese Minoritäten den Bestand der Homogenität und sprachlichen Einheit bedrohen könnten. Dies hatte mitunter eine rigorose Sprachpolitik zur Folge, die sich am Beispiel der Judenemanzipation im 19. Jahrhundert deutlich zeigt: Einerseits wurden jüdische Gemeinden zunehmend in ihrer „Andersartigkeit“ toleriert und sogar gesellschaftlich akzeptiert, andererseits geschah dies erst dann, als der sprachliche und bürgerlich-kulturelle Homogenitätsanspruch erfüllt war, der forderte, in den Gemeinden deutsch zu sprechen und nach einem bürgerlichen Bildungsideal zu streben.

Parallele Denkmuster bei heutigen Kulturalisten und Neokonservativen

Bewegte sich diese Darstellung noch im rein deskriptiven Bereich, um ein geschichtliches Phänomen zu erfassen, so soll im Folgenden der Aktualitätsbezug hergestellt werden. Anhand von sieben zentralen Prämissen des romantischen Nationalismus werden Parallelen aufgezeigt zum Argumentationsmuster heutiger Kulturalisten und Vertreter eines identitären Demokratieverständnisses.

1. In scharfem Gegensatz zum Universalismus der Aufklärung, die das allen Menschen Gemeinsame betont, wird von den romantischen Nationalisten das Besondere, Charakteristische und Individuelle exponiert und als Wert herausgestellt. Auch in der aktuellen Integrationsdebatte finden sich solche Tendenzen. Insbesondere als Gegenpol zum Ordoliberalismus wird dabei nach einem „sozialen Kitt“ der Gesellschaft gesucht. Anstelle bloßen „Mensch seins“ brauche es nach den sog. Kommunitaristen konkretere Banden, welche die Individuen untereinander zusammenhalte. Häufig werden dabei vermeintlich typisch-spezifische kulturelle Sitten und Gebräuche herangezogen,  die einem bestimmten Volk immanent seien. In den allermeisten Fällen hingegen, sind solche  als „deutsch“ konnotierten Verhaltensweisen, die das gesellschaftliche Zusammenleben fördern, wie etwa Nachbarschaftshilfe o. ä., lediglich Ausfluss universalistischer Werte und Normen.

2. Die romantischen Nationalisten gehen von einem organischem und interdependenten Kulturmodell aus. Kultur umfasse sämtliche Bereiche menschlichen Lebens und Denkens, also auch den sozialen und rechtlichen Bereich. Diese Teilbereiche bedingen sich wechselseitig und sind aufeinander bezogen ähnlich einem menschlichen Körper mit seinen Organen. Dieser personifizierte Körper der Nation besitzt deshalb nach ihrer Ansicht auch einen Geist, nämlich den Volksgeist oder die Volksseele. Diesen Hauch von Mystik und Teleologie findet man auch in der heutigen Gesellschaftsdebatte um Islam und Integration. Zwar wird dabei weniger die eigene Volksseele konturiert und inhaltlich definiert; umso mehr jedoch wird eine Fremdbeschreibung der Mentalität von autochthonen Minoritäten vorgenommen: „Der Türke verhält sich so und so, der Moslem wiederum macht dieses und jenes, für den Russen dagegen ist ein solches Verhalten typisch“. Auch bei dieser  Art der Fremdbeschreibung wird undifferenziert eine rechtliche, soziale oder moralische Andersartigkeit konstruiert, die insgesamt aber als organisches Ganzes wahrgenommen wird, nämlich als typisch türkische, islamische, russische, etc. pp. Kultur.

3. Die Zukunft der Nation liegt in ihrer Geschichte. Dies ist für die romantischen Nationalisten kein Widerspruch, da für sie eine Nation ausschließlich historisch erklärt werden kann. Weitgehend ausgeblendet wird dabei, dass sie wie alles Gewordene auch ein Werdendes, sich Veränderndes und vor allem Veränderbares ist. Die Nation wird folglich von einem gegenwärtigen Fixpunkt aus betrachtet, wobei weder „nach unten“ oder „nach vorn in die Ferne“ geschaut wird, sondern vielmehr der Blick zurückgewandt verharrt. Die Betonung des Historischen richtete sich vor allem gegen die rationalistischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts, die durch einen Bruch mit der Vergangenheit ein völlig neuartiges Menschenbild vernunftmäßig erschaffen wollten. Sie richtet sich auch gegen die Überbetonung des Individuums und gegen eine Ideologie des Fortschritts. Diese Angst vor nicht beherrschbarer Veränderung und gesellschaftlicher Dynamik ist ebenso in der heutigen Debatte zu konstatieren. In kaum einem politischen Forum einer Tageszeitung wird man auf Kommentare treffen, die lieber den pluralistischen Ist-Zustand Deutschlands beschreiben, als dass sie sich auf historische Artefakte deutscher Kultur beziehen. Der Nationenbegriff verweilt dabei zumeist auf demselben chronologischen Fixpunkt wie noch im 19. Jahrhundert, ebenfalls zurückgewandt anstelle eine Jetztdefinition. In besonders deutlicher Form kommt dies zu Themen wie einem EU-Beitritt der Türkei zum Ausdruck, bei denen ausdrücklich nocheinmal die nationalstaatliche und kulturelle Grenze Deutschlands nachgezeichnet wird.

(wird fortgesetzt)

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