Ein Zwischenruf

Pragmatisch sein

Mein Aufruf wird in der Islamdebatte jedoch nicht nur auf positive Resonanz stoßen. In letzter Zeit sind vermehrt Stimmen zu hören, die einem solchen gesellschaftlichen Engagement kritisch entgegensehen. Nach ihrer Ansicht seien wir Zeugen einer „post-islamistischen Transformation“. Dabei bilde sich eine neue muslimische Identität heraus, die Integration nur vortäusche, während in Wahrheit kein ernsthaftes Überdenken radikal-konservativer Lehren stattgefunden habe. Vor dem Hintergrund einer globalen islamischen Gemeinschaft, einer neu-definierten umma, bedienen sich ihre Akteure einer kosmopolitische Sprache, nutzen sie allerdings zur Integrationsverweigerung.

Ich halte diesen Befund einerseits für nicht haltbar, und andererseits – was noch viel entscheidender ist – für völlig irrelevant. Erstens behaupte ich, dass die meisten muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger Realisten sind. Zwar mag es unterschiedliche Ansichten zur Frage nach der Beziehung zwischen Islam und Staat geben. Einigkeit dürfte hingegen darin bestehen, dass sowohl die islamische Gemeinde als auch jeder Muslim innerhalb der demokratischen Grundordnung Deutschlands seinen Platz finden müsse. Zweitens darf es in der Debatte überhaupt keine Rolle spielen, ob der Wille zur Integration wahrhaftig und ernst gemeint oder nur vorgetäuscht ist. Denn es kann nicht darauf ankommen, warum eine Gruppe die Spielregeln akzeptiert und dafür Verantwortung einfordert. Ich sehe Integration nüchtern-pragmatisch: Sie ist eine gesellschaftliche Tatsache und nicht ein moralischer Anspruch.

Resümee

Für eine abschließende Betrachtung möchte ich noch einmal unsere Grundthesen wie folgt zusammen fassen:

Der gute Auftakt mit der ersten Islamkonferenz in Deutschland scheint umzuschlagen in eine nur noch destruktive und emotional aufgeladene Debatte um den Islam und Integration. Anstelle medienwirksamer Dialoge zwischen einigen Wenigen, fordern wir mehr sichtbaren Einsatz in Form gesellschaftlichen Engagements, und zwar nachdrücklich auch von den Mitgliedern der islamischen Gemeinden. Dies stärkt einerseits die eigene Identität und führt andererseits dazu, dass der Einzelne nicht mehr auf den Gemeinplatz Islam reduziert wird, sondern soziale Wertschätzung erlangt. Dazu ist ein praktisches Handeln erforderlich, dass über die Grenzen der Moschee hinaus geht und somit auch in anderen gesellschaftlichen Systemen wahrnehmbar wird. Auf diesem Wege erhöhen sich die Anerkennungschancen, so dass es auf diesem Wege zu einer sozialen Integration in die Gesellschaft insgesamt kommen kann.

Wachen Sie also auf aus dem Dornröschenschlaf und warten Sie nicht bis ein Prinz daher kommt und Sie wachküsst. Es ist Zeit, sich selber zu wecken und endlich vom Zuschauer einer endlosen Debatte zum handelnden Akteur zu werden.

Ich behaupte nicht, dass dieses Handlungskonzept ein einfaches und leichtes ist oder gar schnelle Erfolge verzeichnen kann. Im Gegenteil: Der einzuschlagende Weg ist uneben, beschwerlich und weit. Aber gerade das ist das täglich Brot demokratisch-pluralistischer Gesellschaften, und wie wir finden, jeden Tag aufs Neue spannend und bereichernd.

Schließen möchte ich deshalb diesen Zwischenruf mit einem Zitat des Schriftstellers Antoine de Saint Exupéry. Es soll zugleich ein Appell sein, der nicht an Alle gerichtet ist, sondern an jeden Leser höchstpersönlich:

„Geh nicht nur die glatten Straßen. Geh Wege, die noch niemand ging, damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub.“

Hinterlassen Sie Spuren!

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