Ein Zwischenruf

Sich gegenseitig wahrnehmen

Ein herausforderndes Verhalten, dass auf Anerkennung abzielt, kann jedoch nur dann eine echte Chance auf Erfolg haben, wenn man als Subjekt überhaupt wahrgenommen wird. Damit stehen sowohl die islamischen Gemeinden als auch erst recht jeder Einzelne vor einem Problem. Gerade die heutige vernetzte Informationsgesellschaft bindet einen erheblichen Teil unserer Aufmerksamkeitsressourcen. Deshalb findet nicht nur ein Kampf um Anerkennung, sondern bereits um Aufmerksamkeit und Wahrnehmung statt. Angesichts der Kommunikationsmacht der Massenmedien erscheint daher unser Appell an den zwischenmenschlichen Diskurs als ein Kampf von David gegen Goliath.

Es nicht trotzdem zu versuchen und die Initiative zu ergreifen, wäre unseres Erachtens grundlegend falsch. Ich denke hier an eine Parallele zur Zivilcourage. Wer Zivilcourage zeigt, tritt heraus aus der Anonymität: Er exponiert sich mit seiner Person, er macht sein Anliegen deutlich, er bringt seine Überzeugung zum Ausdruck. Auch hier ist es ein Handeln des Einzelnen gegen eine Mehrheitssituation, das sich darin ausdrückt, für grundlegende Werte einzustehen, wie etwa Menschenwürde, Freiheit, Toleranz und Völkerverständigung. Die Zivilcourage des Einzelnen artikuliert sich durch ein aktives, verbales oder non-verbales Verhalten mit dem Zweck sich für etwas einzusetzen oder sich gegen etwas zu wehren. Dass dieser „Widerstand der kleinen Münze“ gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte nicht zu unterschätzen sein dürfte, ist ein Gemeinplatz und bedarf unseres Erachtens keiner weiteren Ausführungen.

Übertragen auf die Integrationsdebatte findet dieses „Sich-Einsetzen“ oder „Sich-Wehren“ im bürgergesellschaftlichen Engagement seinen passenden Ausdruck. Die Ausübung eines Ehrenamts, die politische Partizipation sowie jedes freiwillige Engagement für das Gemeinwohl bietet reale Chancen, um in den Genuss von Anerkennung in der Gesellschaft zu kommen. Gerade auch die Mitglieder der islamischen Gemeinde müssen ihre Rolle als aktive und mitgestaltender Bürger wahrnehmen und diese vor allem auch praktizieren. Engagement in der Zivilgesellschaft hilft dabei nicht nur die eigene Identität auszubilden und zu stabilisieren, sondern zu einer nachhaltigen sozialen Integration in das Gemeinwesen insgesamt.

Unzureichend wäre es, lediglich in der islamischen Gemeinde tätig zu werden und Engagement nur bis zur Pforte der Moschee zu zeigen. Öffentliche Wahrnehmung und Beachtung wird man damit nicht finden. Der SCHURA e.V., ein Zusammenschluss islamischer Gemeinden in Hamburg, hat hiervon – wie wir finden – ein richtiges Verständnis. In seinem Grundsatzpapier heißt es:

„Der Muslim ist, wie es im Qur´an mehrfach heißt, dadurch gekennzeichnet, dass er ,glaubt und gute Werke tut’. Dies umfaßt […] die Verantwortung für die Gesellschaft, in der wir leben […] Da wir hier lebenden Muslime uns als Teil dieser Gesellschaft sehen, wollen wir in diesem Sinne auch an der Gestaltung der Gesellschaft aktiv teilhaben. Es ist ein Engagement für alle Mitglieder dieser Gesellschaft und das Gemeinwesen als Ganzes, nicht partikularistisch orientierte Interessenwahrnehmung für Muslime.“

Um zu zeigen, dass gesellschaftliches Engagement ein Erfolgsrezept darstellt und zu Anerkennung und Integration führen kann, halte ich es hier für durchaus fruchtbar, ein positives Beispiel der deutschen Geschichte anzubringen.

Integration im 19. Jahrhundert

Während die jüdischen Gemeinden in Deutschland noch bis zum 18. Jahrhundert eine von der Mehrheitsgesellschaft relativ isolierte Existenz in Kultur, Religion und Lebensweise fristeten, fand ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Umdenken statt. Ein bedeutender Teil der jüdischen Deutschen gehörte im Kaiserreich bereits bürgerlichen Sozialgruppen an und orientierte sich in ihren Lebensentwürfen an einem damit korrespondierenden Wertesystem, nämlich an Bürgerlichkeit und Bildung. Zwei Faktoren spielten bei diesem Integrationsprozess eine entscheidende Rolle: Einerseits waren es die neuen am humboldtschen Ideal orientierten jüdischen Schulen, deren Schwerpunkt auf der Vermittlung der deutschen Sprache lag. Andererseits entstand in dieser Zeit eine neue jüdische Öffentlichkeit. War vorher das kulturelle Zentrum ausschließlich die Synagoge, etablierte sich nun ein überwiegend deutschsprachiges Vereinswesen. Die Vereine übernahmen dabei eine ganze Reihe von sozialen und kulturellen Funktionen, deren Wirkungskreis nicht mehr auf die jüdische Gemeinde begrenzt war. Interessant erscheint uns hierbei, dass der gesellschaftlichen Anpassungsdruck von Außen geschickt kompensiert wurde. Der jüdischen Gemeinde ist es gelungen, sich einer kulturellen Homogenisierung zu entziehen, indem sie das bürgerliche Ideal zwar rezipierten, es gleichzeitig aber zu etwas ganz „Eigenem“ umformten. Somit konnten sie auch in Zeiten einer fortschreitenden Säkularisierung und Individualisierung ihre eigene jüdische Identität bewahren und stabilisieren.

Dieses Beispiel dürfte auch als Orientierungspunkt für die Muslime der islamischen Gemeinde in Deutschland dienen. Bürgerschaftliches Engagement, ob in Netzwerken und Foren oder lediglich in Form von Nachbarschaftshilfe stärkt die eigene Identität und bietet jedem Einzelnen die so wichtige soziale Wertschätzung. Es ist gleichzeitig – wenn man so will – ein Engagement des „Erhörtwerdens“. Dass dabei nur die deutsche Sprache als kommunikativer Türöffner wirken kann, ist zwar selbstverständlich – eine Erinnerung hieran scheint uns dennoch angebracht.

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