Ein Zwischenruf

Sich kennenlernen

Kommen wir zur ersten Voraussetzung, und zwar des Sich-Einlassens. Prof. Mohammad Al-Tayyeb, der Präsident der Al-Azhar Universität in Kairo, hat im Rahmen eines Vortrags in Deutschland diese Notwendigkeit treffend formuliert: „Der Islam pflegt einen Umgang mit anderen Religionen auf der Basis des „Gegenseitigen Kennenlernens“ und der gegenseitigen Ergänzung, jedoch nicht auf der Basis des Konfliktes und der Entfremdung.“ Den Anknüpfungspunkt im Koran findet Al-Tayyeb in Vers 13, Sure 49:

„O ihr Menschen! Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und haben euch zu Völkern und Stämmen werden lassen, damit ihr euch kennenlernt. Der Edelste vor Gott ist der Frommste unter euch. Gottes Wissen und Kenntnis sind unermesslich.“

Den maßgeblichen Punkt sehe ich darin, dass es bei dieser Art des Dialogs nicht darum gehen darf, den anderen mit den besseren Argumenten überzeugen zu wollen. Eine Übereinstimmung im Denken und Fühlen kann durch Dialog allein nicht herbeigeführt werden. Aber das soll auch nicht Motivation für das miteinander Reden sein. Entscheidend ist, dass man sich durch das Gespräch aneinander gewöhnt. Es muss einen Vorrang praktischen Handelns gehen. Kurz gesagt: Nicht Prinzipien, sondern praktische Handlungen befähigen uns, in Frieden zusammenzuleben. Mit Integration verbinde ich, etwas über Menschen aus anderen Ländern zu lernen und uns für ihre Kultur, ihre Argumente, ihre Irrtümer und ihre Leistung zu interessieren. Nicht deswegen, damit wir zu einem Konsens gelangen, sondern weil es uns hilft, den anderen zu ER-KENNEN.

Setzen wir uns dieses Ziel, so muss es uns gar nicht stören, dass es viele Möglichkeiten für Meinungsverschiedenheiten im Blick auf Werte gibt. Einander zu verstehen mag schwierig sein, doch ist es ganz sicher spannend und interessant. Dass wir einer Meinung sind, ist gar nicht erforderlich.

Der Dialog im Sinne eines „Sich-Einlassens“ ist meines Erachtens zwar notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung für ein solidarisches Miteinander. Das Gespräch und überhaupt das wahrgenommene Verhalten eines Anderen soll nämlich zu einem hierauf aufbauenden Ziel führen, und zwar Anerkennung zu finden. Dieses Ziel beschreibt die zweite Voraussetzung für ein „identitätstiftendes Verhalten“.

Sich schätzen lernen

Den Begriff Anerkennung verstehe ich im Sinne der Sozialphilosophie Axel Honneths. Anerkennung meint eine Bestätigung eines vor der Anerkennung nicht klar feststehenden Status, einer Identität oder aber Zugehörigkeit. Die soziale Wertschätzung als eine besondere Form der Anerkennung bezieht sich dabei auf besondere Eigenschaften, durch die Menschen in ihren persönlichen Unterschieden charakterisiert sind. Sie knüpft nicht an kollektive Eigenschaften, wie etwa die allgemeine Achtung, dass alle Bürger Träger von Grundrechten sind, sondern orientiert sich an lebensgeschichtlich entwickelten Fähigkeiten des Einzelnen.

Warum aber ist soziale Wertschätzung so wichtig? Weil eine Person nur dadurch zu einem gesunden Selbstwertgefühl gelangen kann. Eine Negation dieser Wertschätzung, also eine Missachtung der individuellen Besonderheiten einer Person, führt dazu, dass sie sich in ihrem Leben nicht mehr auf etwas beziehen kann, dem innerhalb des Gemeinwesens eine positive Bedeutung zu kommt. Eine entwürdigte Person kann sich daher nicht als ein in seinen charakteristischen Eigenschaften und Fähigkeiten geschätztes Wesen verstehen.

Zweck der Anerkennung ist letztendlich, die Autonomie der Einzelnen zu wahren: Nur die Person, die sich von den Anderen in bestimmter Weise anerkannt wissen kann, vermag sich so vernünftig auf sich selber zu beziehen. Nur im Rahmen eines wechselseitigen Annerkennungsverhältnisses kann also der Individualismus und die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können, geschützt werden.

Auf welchem Wege nun erlangt der Einzelne Anerkennung? Um hierauf antworten zu können, müssen wir uns zunächst vor Augen halten, dass es zwei Dimensionen der Anerkennung gibt: Eine kognitive und eine handlungspraktische. Gemein ist beiden Dimensionen der Anerkennung, dass sie bereits in der frühen Kindheit erlernt und eingeübt werden.

Die kognitive Seite besteht ganz allgemein darin, den Anderen deshalb besonders wertzuschätzen, weil er ein Mitglied im Kreis menschlicher Wesen ist. Die handlungspraktische Seite dagegen beschreibt das tatsächliche Verhalten, auf diese Wahrnehmung des Anderen als „Mensch“ in angemessener Weise zu reagieren. Im Laufe der Entwicklung einer Person findet jedoch ein Sozialisationsprozess statt, dem die Gefahr innewohnt diese frühkindlich eingeübten Verhaltensweisen zu überformen oder gar zu deformieren. Deshalb erfordert ein Verhalten der Anerkennung ständige Übung, also eine eingespielte Lebenspraxis. Wir können ein solches Verhalten aus diesem Grund nicht von unseren Mitmenschen einfordern, sondern müssen es bei jedem Einzelnen herausfordern.

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