Ein Zwischenruf

Islam und Vernunft

Nach einem türkischen Sprichwort heißt es: „Akıl akıldan üstündür“ (Die Vernunft ist vernünftiger als die Vernunft). Auch das europäische Abendland fußt auf dieser Prämisse, die Leitidee der Aufklärung des 18. Jahrhunderts war. „Sapere Aude!“, „Habe Mut, dich kritisch deines Verstandes zu bedienen!“ ist nach Kant primäre Aufgabe jedes Einzelnen. Ich sehe in dieser Handlungsmaxime die grundlegende Voraussetzung für eine Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen auf gleicher Augenhöhe. Denn unüberlegter, weil blinder Gehorsam gegenüber vermeintlichen Autoritäten würde jede Annäherung von vornherein zu Nichte machen.

Wie aber steht es in der islamischen Theologie um das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft? Ist der Verstand im Islam als individuelles Erkenntnismittel anerkannt? Oder ist alles Handeln und Denken durch göttliche Offenbarung vorherbestimmt und damit per se entbehrlich?

In der aktuell geführten Debatte um eine Reform des Islam oder gar eines „Euro-Islam“ ist diese Frage höchst umstritten. Ohne hierauf näher einzugehen, besteht zumindest dahin gehend ein Konsens, dass viele Autoren des klassischen Islam der Vernunft bzw. dem rationalen Wissen in der Religion eine große Bedeutung beimaßen. Die Vernunft (’aql) wurde dem Menschen gegeben, sie zu verwenden. So heißt es etwa in Sure 38, Vers 29 des Koran:

„(Der Koran ist) eine von uns zu dir hinabgesandte, gesegnete Schrift (und wird den Menschen verkündet), damit sie sich über seine Verse Gedanken machen, und damit diejenigen, die Verstand haben, sich mahnen lassen.“

Große Philosophen in der Zeit zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert, wie al-Kindi, ibn Zakariyya ar-Razi oder Ibn Sina übertrugen diese Handlungsanweisung auf die sog. weltlichen Wissenschaften, den ulum-al-aql. Die arabischen und persischen Gelehrten der Omayyiaden- und Abbasiden-Dynastien brachten es dabei zu ungeahnter Meisterschaft. Die kaum zu überschätzende Leistung bei der Übersetzung und Weiterentwicklung von Werken griechischer Philosophen fristet in der westlichen Geschichtsschreibung noch immer ein Schattendasein. Dass sich die Kultur zu solch einer Blüte entfalten konnte, lag entscheidend an der pluralistisch strukturierten Gesellschaft jener Zeit. Insbesondere erwies sich das friedvolle Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen als äußerst förderlich. Städte wie Medina, Córdoba, Granada oder Konstantinopel mögen hierfür als Beispiele stehen.

Doch was ist der Mehrwert geschichtlicher Erfahrung, wenn wir doch im Hier und Jetzt leben? Taugen diese Beispiele mittelalterlicher Gesellschaften für eine Erkenntnis in der Gegenwart? Ich denke schon, dass ein präzises Wissen um die Geschichte wertvoll sein kann – dies zeigt auch die nicht nur in der westlichen Hemisphäre entbrannte Diskussion um eine grundlegende Reform des Islam. Eine Sogwirkung zu erwarten, die über den Kreis weniger Intellektueller und Kosmopoliten hinaus geht, erscheint uns indes aber unrealistisch.

Halten wir einmal bis hierin fest: Weder der ausschließliche Appell an die Vernunft noch an die Historie allein, vermag für die Lösung des gegenwärtigen Verständigungsproblems auf beiden Seiten fruchtbar zu sein.

Soziale Integration durch Anerkennung

Meine These dagegen ist, dass interkulturelle Verständigung heutzutage nur gelingen kann, wenn zwei weitere Grundprämissen gegeben sind, die zunächst banal klingen mögen:

Erstens plädiere ich für viel mehr Öffentlichkeit und Sichtbarkeit von kultureller oder religiöser Vielfalt. Wir alle müssen aktiv aufeinander Zugehen, müssen uns aneinander gewöhnen, und uns darum bemühen, uns auf die Erfahrungen und Ideen anderer Menschen einzulassen. Kurz gesagt, es geht um Empathie – eine häufig unterschätzte Fähigkeit der menschlichen Natur.

Zweitens müssen wir im täglichen Umgang miteinander lernen, uns vorbehaltlos als Individualitäten anzuerkennen. Wir müssen uns bewusst werden, dass jeder auf Anerkennung in Form „sozialer Wertschätzung“ angewiesen ist – sie ist ein menschliches Grundbedürfnis. Anerkennung bekommen wir aber nur, wenn wir selbst den jeweils anderen als Person achten und wertschätzen. Es ist gerade diese im Menschen fest verwurzelte zwischenmenschliche Reziprozität, die weder kulturelle noch religiöse Schranken kennt.

Ein Gespräch oder ein bestimmtes Verhalten gegenüber anderen Personen, das unter diesen beiden Voraussetzungen zustande kommt, bildet meines Erachtens das Fundament für eine stabile demokratische und pluralistische Wertegemeinschaft. Ich möchte diesen Umgang zwischen Personen „identitätsstiftendes Verhalten“ nennen, wobei ich diesen Begriff später noch genauer erläutern werden.

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