Ein Zwischenruf

Vom Zuschauer zum Akteur – gegen eine Stagnation in der Islamdebatte und für mehr gesellschaftliches Engagement über die Grenzen der Moschee hinweg

Sprache ist nicht nur die einzige Bedingung vernünftiger Kommunikation. Es kommt ebenso auf das richtige Verständnis beim Empfänger an. Wodurch aus meiner Sicht eine Verständigung in der Islamdebatte verhindert wird und worauf es ankommt, um sich zu verstehen, möchte ich im Folgenden skizzieren. Ziel ist es dabei, ein konkretes Handlungskonzept für den Einzelnen zu entwickeln, um errungene Fortschritte in der Integrationsdebatte zu verteidigen und gleichzeitig neue Perspektiven der Verständigung aufzuzeigen.

Das vermeintliche Feindbild „Islam“ gewinnt in der aktuellen Debatte in Deutschland an Konjunktur. Gut zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges scheint es so, als habe man im Westen eine neue Bedrohung gefunden. Seit den Terroranschlägen vom 11. September gedeiht der Einfluss konservativer Populisten und Islamophobiker, die eine neuartige Gefahr inmitten der europäischen Gesellschaft ausmachen: Menschen islamischen Glaubens. An die Stelle konstruktiver Auseinandersetzung tritt nicht selten die pauschale Annahme, der Islam sei eine Religion der Gewalt und mit demokratischen Grundwerten nicht zu vereinbaren. Besorgnis erregend erscheint mir, dass diese Sichtweise mittlerweile zu einem „common sense“ geworden ist.

In dieser Debatte entfernen sich bedeutsame Medienvertreter zunehmend von einem objektiven Journalismus. Das Thema wird emotional aufgeladen und der Islam stigmatisiert. Diese Stigmatisierung beruht kaum darauf, dass viele Menschen in Deutschland persönlich schlechte Erfahrungen mit Muslimen oder dem Islam gemacht haben. Ich denken, dass es hier vielmehr um das eigene kontinentaleuropäische Selbstverständnis geht, insbesondere um kulturelle Selbstfindung. Ein negativ bewerteter Islam dient dabei als Projektionsfläche, um die historisch gewachsene eigene Kultur positiv wahrnehmen zu können. Die imaginierte Angst vor dem Islam ist das Mittel, sich leichter von den gesellschaftlichen Problemen ablenken zu können und sich mit der eigenen Kultur zu identifizieren. Dieser Selbstfindungsprozess läuft nach einem typischen psychologischen Mechanismus ab: der Verdrängung. Um sich nicht den eigenen Problemen stellen zu müssen, wie etwa der abnehmenden Geburtenrate und der alternden Gesellschaft oder ganz aktuell dem Ausstieg aus der Kernenergie, reduzieren wir die Debatte auf Gefahren, die von Muslimen und dem Islam ausgehen.

Durch diese Imagination entsteht ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Pauschale Vorverurteilungen sind die Folge und Verständigung wird bereits im Keim erstickt. Nicht nur die Politik nimmt allzu oft eine passive Haltung ein; sie schaut mehr zu als aktiv zu handeln. Auch auf Seiten der in Deutschland lebenden Muslime und der islamischen Gemeinden insgesamt besteht noch wesentlich mehr Handlungsbedarf.

Gerade deshalb ist jeder Einzelne gefordert, und zwar unabhängig seiner Religion und Weltanschauung, sich diesen Tendenzen mit aller Kraft entgegenzustellen. „Empört euch!“ lautet das vor kurzem erschienene Werk des Literaten, Politikers und Menschenrechtlers Stéphane Hessel. Dieses Motto soll auch Richtschnur dieses Plädoyers sein.

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