Gesellschaftsdebatte

Der häßliche Türke

Türke… Ein Begriff, dem vermutlich ein Großteil seiner romantischen Erlebnisästhetik abhanden gekommen ist. Seine  Hauptbedeutung als Bezeichnung eines Volksstamms ist unlängst in den Hintergrund gerückt. Um eine Ethnie zu beschreiben, die ungleich der einheimischen Bevölkerung ist, benützt der Bildungsbürger lieber den populären Euphemismus „Migrant“. Trotz der schwindenden Hauptbedeutung ist die semantische Wortbilanz des Terms „Türke“ ausgeglichen, denn seine Mitbedeutungen, die schillern in einem überwältigenden Facettenreichtum. Der Bildungsbürger erstickt geradezu im Wirrwarr unzähliger Konnotationen und Assoziationen. Ein bißchen Ordnung soll ihm helfen, sich zu befreien.

Seine Glorifizierung im Osten

Das Bild vom Türken in seiner Fülle zu erfassen ist schier unmöglich. Wenn sich der Betrachter seine Heterogenität und Multiethnizität vergegenwärtigt,  die zeitlichen und räumlichen Abmessungen seiner Herrschaft, er müßte zwangsläufig in Ohnmacht versinken. Er ist deshalb oft nur gewillt und imstande, einen bestimmten symbolträchtigen Abschnitt wahrzunehmen. So verwundert es nicht, daß die ereignisreiche Historiographie über den Türken ein Quell der Inspiration ist… insbesondere für werdende Staaten. Für die sich im Umbruch befindende arabische Welt ist die Republik Türkei der Archetyp einer islamischen Demokratie. Als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan als erstes Staatsoberhaupt den Rücktritt des ehemaligen ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak forderte, verfestigte er zugleich die Leitbildrolle der Republik Türkei in der arabischen Welt, einer Region, deren geopolitische Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Freilich, der heutige Betrachtungszeitpunkt ist  höchst situativ, um im Übrigen ein ertragreiches Bild vom Türken im Bereich der Staatsbildung zu gewinnen; aufgrund der volatilen Machtverhältnisse  im arabischen Raum eignet er sich insofern allenfalls für Hypothesen. Die arabische Glorifizierung der Republik Türkei und ihrer islamischen Demokratie offenbart zumindest, daß in der Imagination des Arabers der Türke vorbildlich ist… superior.

Seine Perhorreszierung im Westen

Daß die mystizistische Sicht auf den Türken keiner Schöpfungskraft geschuldet ist, die allein der arabischen Welt vorbehaltenen ist, ist in der europäischen Neigung erkennbar, bestimmte Abschnitte unseres Bildes vom Türken überzubelichten und ohne Zwang  zu dekontextualisieren.  Unsererseits vom Bosporus ist der Türke cinastisch inszeniert, verklärt und oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Sein Name ist im europäischen Sprachgebrauch seit Mitte des 15. Jahrhunderts bekannt. Der Türke trat an die Stelle des Sarazenen, damals die Bezeichnung des Moslems. Unverändert blieb hingegen die Haltung zu ihm. Der Prediger Georg Mylius (1548–1607) etwa rief Gott mit den Worten an: „Wir bitten und beten teglich wider den Türken […] schicken unser Volk hinaus wider diesen nicht als einen schlechten oder gemeinen sondern als fürnemen Erb, Ertz und Hauptfeind. […]“ In der Tat, es war die europäische Christenheit, die den Türken wegen seines Bekenntnisses zum Islam als diabolische Ausgeburt betrachtete, als Häretiker, in späteren Jahrhunderten als Fanatisten und rückständigen Ignoranten, weiterhin als einen jeder Wissenschaft abholden Barbaren. Mit der Illumination wiewohl, die Europa im 18. und 19. Jahrhundert allmählich in den Griff nahm, verblich die religiöse Dichotomie lateinischer Christ – moslemischer Türke. An ihre Stelle trat das rassische Bedeutungsmuster Arier – Semit: „Er ist der beste Beweis dieses großen Axioms, das wir oft verkündet haben, nämlich, daß die Religionen nur soviel gelten wie die Rassen, die sich zu ihnen bekennen“ proklamierte Ernest Renan (1823 – 1892) und verfestigte die in Europa herrschende Ansicht über die „geistige Inferiorität des Muselmannen“. Während der Europäer sich in Ordnung labte, versank der Türke im Chaos, entwickelte sich hierzulande die Demokratie, offenbarte sich dort die Despotie, der Europäer schritt voran, der Türke aber stagnierte. Er… die Manifestation des Übels, er … der häßliche Türke… seit einem halben Jahrtausend…

Die Beseelung Europas durch den Türken

Wir danken ihm gleichwohl, denn ohne ihn, dem antithetischen Instrument, hätte Europa seine heutige Gestalt nicht erlangt. Der Blick über den Bosporus erlaubte unserer geistigen Schöpfungskraft, Europa als Einheit zu begreifen, um imstande zu sein, den Kampf gegen jenen übermächtigen Antagonisten aufzunehmen und fortzuführen. Er diente als ungeistige Antipode des Europäers und beseelte ihn in seiner ihm zugeschriebenen Rolle. Immer noch dient und bedient er. Seine konstitutionelle Unterlegenheit tränkt die europäische Hybris. Wir wollen den Türken nicht, der beabsichtigt, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Gelänge es ihm, wäre er ein Teil von uns und nicht mehr der andere. Wir würden unser Jahrtausendwerk verlieren, das antithetische Instrument, das den Deutschen wie Franzosen, den Italiener und Rumänen trotz aller erdenkbaren Unüberbrückbarkeiten vereint. Es genügt freilich nicht, den Feind des Feindes als Freund zu betrachten, um eine Allianz zu schmieden; diese wäre unheilig und nicht von Bestand. Aber welche Bemühungen sind unsererseits des Bosporus unternommen worden, um unserem Kontinentalkörper ein Gesicht zu schenken? Welche Form ist Europa gestiftet worden, ohne daß auf den häßlichen Türken rekurriert worden wäre, um jedenfalls ausschließen zu können, was Europa nicht sein soll?

Der Zirkelschluß der europäischen Selbstfindung

In jüngerer Zeit ist der Begriff der „christlich-abendländischen Tradition“ gebraucht worden, um Europa zu begreifen. Eine wunderbare, geschichtsgeladenene Wortschöpfung, die im heutigen Sprachgebrauch beansprucht, die Seele Europas zu beschreiben, damit ist sie das Bindeglied der Völker des hiesigen Kontinents. Nur prima vista überzeugt die Selbstbeschreibung, denn im Grunde ist sie eine petitio principii! Papst Pius II. (1405-1464) beschwor die europäische Christenheit, um der Türkengefahr mit geeinten Kräften Herr werden zu können. Diese existierte jedoch allenfalls als Identitätsideal, zu unterschiedlich waren Deutsche und Franzosen, Italiener und Rumänen. Die heutige Berufung auf das Selbstverständnis der „christlich-abendländischen Tradition“ verschleiert gerade ihre Nicht-Existenz. Sie ist allein in der Lage, das christliche vom nichtchristlichen, das abendländische vom morgenländischen zu trennen. In dieser Gestalt ist sie untauglich, einen Integrationsprozeß zu implementieren, sie erschöpft sich vielmehr in der Desintegration des bekannten Unbekannten… in Assoziationen und Konnotationen, die unser Bild vom Türken seit Jahrhunderten prägen.

PS: Eine Perpetuierung des Türkenbildes als antithetisches Selbstfindungsinstrument findet sich bei Michael Thuman, „Schlag gegen die Freiheit“, Zeit vom 28.04.2011. Die Internetadresse lautet:

http://www.zeit.de/2011/18/Tuerkei

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9 Antworten zu Gesellschaftsdebatte

  1. Aha schreibt:

    Kleiner Ratschlag:

    Etwas weniger geschwollene Fremdwörter benutzen, besonders im ersten Teil. Getreu dem Motto:
    „Lieber schwierige Sachen einfach ausdrücken,
    als einfache Sachen schwierig.“
    Nichts für Ungut.

    • Sokrates schreibt:

      Liebe Aha,

      es ist schwieriger, schwierige Sachen einfach auszudrücken als einfache Sachen schwierig. Diese Erkenntnis finden Sie in ähnlicher Form in einem Ausspruch, der irrtümlicherweise Voltaire zugeschrieben wird. Er lautet: „Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen einen langen Brief schreibe, für einen kurzen habe ich keine Zeit.“

      Sokrates

      • Sven schreibt:

        Hallo Sokrates,

        Sie haben natürlich Recht: schwierige Sachen einfach auszudrücken ist eine wahre Kunst, die leider nur die Wenigsten zu meistern in der Lage sind. Viel häufiger sind Autoren bemüht von Grundsatz her verständliche Sachverhalte künstlich komplexer zu gestalten.

        Geben Sie sich einen Ruck – versuchen Sie die wahre Kunst zu meistern! Ihr durchaus interessanter Beitrag könnte sich dann sicher auch einem breiteren Publikum erschließen.

        PS: Sollten Sie als Lehrender an einer Hochschule oder in vergleichbarer Position tätig sein, dann betrachten Sie meinen Kommentar bitte als hinfällig. Ihr Schreibstil wäre dann erfahrungsgemäß eine Grundvoraussetzung für Ihre Tätigkeit. 😉

  2. gudu4 schreibt:

    ….na, hören wir da nicht ganz fürchterliche Furcht heraus….:-))
    so ein bisschen die alte Leier oder, ich dachte wirklich, die Völker als
    solche sind schon weiter fortgeschritten……
    schade…..

  3. otto schreibt:

    hilfe ….der türke kommt!

  4. Spartaner schreibt:

    schöne Seite so richtig Griechisch kommt mir das vor .Είσαι Έλληνας Σωκράτη?Sind sie Grieche Sokrates?

  5. Zwilling schreibt:

    Ich stieß eben auf diesen sehr lesenswerten Artikel, der mich aufgrund seiner wunderbaren analytischen Schärfe doch sehr beeindruckt hat!
    Richtig lesenswert, sehr unterhaltsam und voll konzentriert geschrieben!
    Da war der Profi am Werke.

    Ich wünsch mir sehr viel mehr derartiger Artikel im Netz zu lesen, und werde ihn gerne bei passender Gelegenheit verlinken. Merke mir ihre Seite auf jeden Fall vor.

    p.s.
    Meiner Meinung hernach, könnte der Autor des Artikels durchaus beim Spiggl anfangen, wenn er seinen wirklich unsäglich gedrängten Gebrauch von Fremdworten auf ein allgemein erträglicheres Niveau herunterreduzieren könnte. (Lesefluss; ich weiß: Manche Worte sagen mehr als tausend Worte, aber…Sie verstehn.)
    (Exzessive Verwendung von Fremdworten, und sei sie syntaktisch auch noch so richtig, verursacht irgendwie immer ein prätentiöses ‚Geschmäckle‘, wenn es sich nicht unbedingt um eine Wissenschaftliche Abhandlung handelt.)

  6. Florian schreibt:

    Unwissenschaftliches und inhaltsfreies Geblubbel mit unlesbaren Worthülesn und hochstechenden Formulierungen garniert.

    Die Ode an den Türken.

    Ist die griechische Gestaltung dieses Blogs vielleicht nur das Alibi um für den „Türken“ und dessen gar vorbildhafte „Religion“ zu werben.

    Verstecken sich hinter den griechisch Blogbetreibernahmen gar Türken auf islamischer Mission , die etwas zu viel im Theasaurus gelesen haben.

    Oder vielleicht islamophile deutschhassende Alt-Linke, die die Leiche des Mulitikulturalismus wiederbeleben möchten?

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