Auf der Suche nach Identität

Resümee

Versucht man ein Resümee über die Gründe einer solchen Renaissance kulturalistischer Anschauungen in den gesellschaftlichen und politischen Debatten, so darf zwar nicht vorschnell auf eine Parallelerscheinung der Geschichte geschlossen werden. Zum Abschluss soll dennoch zumindest ein markanter Berührungspunkt zwischen dem 19. Jahrhundert und dem status quo herausgestellt werden.

Eine besondere Auffälligkeit bilden die ähnlichen sozialen Herausforderungen, mit denen sich der Einzelne konfrontiert sah und heute wieder konfrontiert sieht. War es der am Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende Modernisierungsschub der Industrialisierung, ist es heute der rasante technologische Fortschritt der vernetzten digitalen Welt, der traditionelle Bindungen nahezu aufgelöst hat. Das hat zur Folge, dass die eine kulturelle Praxis vormoderner Gesellschaften, also ein Leben in bestimmten symbolischen Anschaungswelten, zugunsten einer atomistischen Bedeutungs- und Verstehenswelt verdrängt wird. Alte Rituale und Symbole werden mehrdeutig, unzählige neue kommen aus der Markt- und Verkehrsgesellschaft hinzu. Das Individuum bewegt sich dadurch nicht mehr in Anschauungswelten, sondern verlagert dieses Anwachsen von Normen, Bindungen und Loyalitäten in die Reflexionsebene. D. h. es findet nicht mehr ein unbewusstes Handeln nach traditionellen Regeln statt, diese Regeln werden bewusst Gegenstand der Diskussion, in der man sich ihrer Bedeutung vergewissert. Da sich ein gesamtgesellschaftlicher Konsens der Tradition aufgelöst hat, sucht das desintegrierte Individuum nach neuer Stabilität und Identität. Eine Form davon war der romantische Nationalismus, der dieses Bedürfnis nach überindividuellem Halt und kommunikativer Integration befriedigt hat – sogar in so starker Überhöhung, das er religiöse Züge annahm, wie es etwa in den im 19. Jahrhundert zu Sakramenten emporgehobenen Werten wie Familie, Arbeit oder Kunst zum Ausdruck kommt.

Auch im Zeitalter der „Beschleunigung“, in der globalisierten und zugleich partikularisierten Welt, scheint es, als ob der Mensch nach neuem Halt sucht – und ihn in dem Nationsgedanken Deutschlands findet. Viele mögen dabei tatsächlich nichts Böses im Sinn haben, wenn sie auf die Rückbesinnung von traditionellen Werten rekurieren oder die geschichtsträchtige Kultur Deutschlands beschwören. Gewarnt sei jedoch vor denjenigen, die diesen Wunsch nach nationaler Identität  mit einem anti-demokratischen und kulturalistischen Hegemonialanspruch erfüllen wollen. Denn schnell wird aus kultureller „Schwärmerei“ mit Richtigkeitsanspruch ein Kampfbegriff mit politischen Exklusionsattitüden.

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