Auf der Suche nach Identität

Parallele Denkmuster bei heutigen Kulturalisten und Neokonservativen

Bewegte sich diese Darstellung noch im rein deskriptiven Bereich, um ein geschichtliches Phänomen zu erfassen, so soll im Folgenden der Aktualitätsbezug hergestellt werden. Anhand von fünf zentralen Prämissen des romantischen Nationalismus werden Parallelen aufgezeigt zum Argumentationsmuster heutiger Kulturalisten und Vertreter eines identitären Demokratieverständnisses.

1. In scharfem Gegensatz zum Universalismus der Aufklärung, die das allen Menschen Gemeinsame betont, wird von den romantischen Nationalisten das Besondere, Charakteristische und Individuelle exponiert und als Wert herausgestellt. Auch in der aktuellen Integrationsdebatte finden sich solche Tendenzen. Insbesondere als Gegenpol zum Ordoliberalismus wird dabei nach einem „sozialen Kitt“ der Gesellschaft gesucht. Anstelle bloßen „Mensch-seins“ brauche es nach den sog. Kommunitaristen konkretere Banden, welche die Individuen untereinander zusammenhalte. Häufig werden dabei vermeintlich typisch-spezifische kulturelle Sitten und Gebräuche herangezogen,  die einem bestimmten Volk immanent seien. In den allermeisten Fällen hingegen sind solche  als „deutsch“ konnotierten Verhaltensweisen, die das gesellschaftliche Zusammenleben fördern, wie etwa Nachbarschaftshilfe o. ä., lediglich Ausfluss universalistischer Werte und Normen.

2. Die romantischen Nationalisten gehen von einem organischem und interdependenten Kulturmodell aus. Kultur umfasse sämtliche Bereiche menschlichen Lebens und Denkens, also auch den sozialen und rechtlichen Bereich. Diese Teilbereiche bedingen sich wechselseitig und sind aufeinander bezogen ähnlich einem menschlichen Körper mit seinen Organen. Dieser personifizierte Körper der Nation besitzt deshalb nach ihrer Ansicht auch einen Geist, nämlich den Volksgeist oder die Volksseele. Diesen Hauch von Mystik und Teleologie findet man auch in der heutigen Gesellschaftsdebatte um Islam und Integration. Zwar wird dabei weniger die eigene Volksseele konturiert und inhaltlich definiert; umso mehr jedoch wird eine Fremdbeschreibung der Mentalität von autochthonen Minoritäten vorgenommen: „Der Türke verhält sich so und so, der Moslem wiederum macht dieses und jenes, für den Russen dagegen ist ein solches Verhalten typisch“. Auch bei dieser  Art der Fremdbeschreibung wird undifferenziert eine rechtliche, soziale oder moralische Andersartigkeit konstruiert, die insgesamt aber als organisches Ganzes wahrgenommen wird, nämlich als typisch türkische, islamische oder etwa russische Kultur.

3. Die Zukunft der Nation liegt in ihrer Geschichte. Dies ist für die romantischen Nationalisten kein Widerspruch, da für sie eine Nation ausschließlich historisch erklärt werden kann. Weitgehend ausgeblendet wird dabei, dass sie wie alles Gewordene auch ein Werdendes, sich Veränderndes und vor allem Veränderbares ist. Die Nation wird folglich von einem gegenwärtigen Fixpunkt aus betrachtet, wobei weder „nach unten“ oder „nach vorn“ geschaut wird, sondern vielmehr der Blick zurückgewandt verharrt. Die Betonung des Historischen richtete sich vor allem gegen die rationalistischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts, die durch einen Bruch mit der Vergangenheit ein völlig neuartiges Menschenbild vernunftmäßig erschaffen wollten. Sie richtet sich auch gegen die Überbetonung des Individuums und gegen eine Ideologie des Fortschritts. Diese Angst vor willkürlicher Veränderung und gesellschaftlicher Dynamik ist ebenso in der heutigen Debatte zu konstatieren. In kaum einem politischen Forum einer Tageszeitung wird man auf Kommentare treffen, die lieber den pluralistischen Ist-Zustand Deutschlands beschreiben, als dass sie sich auf historische Artefakte deutscher Kultur beziehen. Der Nationenbegriff verweilt dabei zumeist auf demselben chronologischen Fixpunkt wie noch im 19. Jahrhundert, ebenfalls zurückgewandt anstelle einer Jetztdefinition. In besonders deutlicher Form kommt dies zu Themen wie dem EU-Beitritt der Türkei zum Ausdruck, bei denen ausdrücklich die nationalstaatliche und kulturelle Grenze Deutschlands im Vordergrund der Argumentation steht.

4. Das Kollektivum Nation oder Volk hat für die romantischen Nationalisten Vorrang vor dem Individuum. Im Gegensatz zum gesellschaftlichen Vertragsmodell, bei dem die Konstituierung der Gesellschaft durch Zustimmung des Einzelnen erfolgt, ist die Nation Ausgangspunkt und dem Individuum vorgeordnet. Im Sinne eines philosophischen Holismus ist also das Ganze vor den Teilen. Nicht der Einzelne formt die Nation, sie formt vielmehr den Einzelnen, in welcher er seine Erfüllung findet. Übertragen auf die Integrationsdebatte findet man derweil Exklusionstrategien, die sich ebenfalls nach dieser Idee richten. Häufig werden einzelne Personen als positive Beispiele für die Integration in die deutsche Gesellschaft sogleich mit einer negativen Mehrheitsargumentation pariert: „Mein türkischer Nachbar ist wirklich sehr nett und hilfsbereit und spricht sogar gut deutsch. Das ist aber ein Einzelfall, die meisten Türken leben doch in ihrer eigenen Welt!“ Mag es also noch so viele gute Beispiele geben, es ist der türkischen Nation und dem Volk etwas nicht unbedingt sichtbares immanent, dass trotz aller Integration nicht zu Deutschland passt.

5. Die Nation ist in den Augen der romantischen Nationalisten Religionssurrogat. Der die vielfältigen Individuen eines Volkes verbindende Volksgeist wird zum transzendentalen Sein, eine atemporale Erscheinung, mit der sowohl die Geschichte zu verstehen ist als auch Handlungsanweisungen für die Zukunft enthält. Der Nationsgedanke vermittelt also nicht nur Gemeinsinn, er stiftet offenbarten Lebenssinn. Jedes Tun und Handeln ist determiniert durch die unanschauliche, gleichwohl mächtige Nation, dessen Bürger sie im Sinne einer säkularen Religiösität huldigen müssen. In der heutigen Zeit, in der sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche drastischen Mitgliederschwund beklagen, füllen kulturalistische Weltanschauungen die klaffende Identitätslücke für religiöse Bindungen: Nicht die Bibel, sondern das Grundgesetz, nicht die Kirche, sondern ein „Institut für Staatspolitik“, nicht Gott, sondern die Volksseele der deutschen Kultur stellen nunmehr die Artefakte einer postmodernen Bürgerreligion dar. Aus diesem Umstand erklärt sich auch, dass in den Medien weniger die Dichotomie zwischen Christentum – Islam diskutiert wird, als dass vielmehr die deutsche Kultur dem Islam gegenübergestellt wird und deren Unvereinbarkeit behauptet wird.

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