Auf der Suche nach Identität

Anachronistischer Kulturbegriff

Eine zentrale Stellung nimmt bei vielen Kritikern der in heutiger Zeit uneinheitlich konnotierte Begriff „Kultur“ ein. Ein Rückbesinnung auf die eigene Kultur sei entscheidend, um sich wieder als einheitliche Nation fühlen zu können. Herangezogen wird dazu allerdings nicht eine Kulturdefinition aus neuester Forschung, sondern eine anachronistische Deutung wie sie Johann Gottfried Herder in seinem 1784-1791 erschienenen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ vorgenommen hat. Nach Herder ist Kultur, in Anlehnung an Kant, eine individuelle Substanz eines Volkes, die diese von anderen prägnant unterscheidet. Der Ursprung von verschiedenen Kulturen sei die jeweilige Anpassung an natürliche und klimatische Verhältnisse. Drei Grundannahmen kennzeichnen nach Herder Kultur, nämlich 1. die soziale Homogenisierung, 2. die ethnische Fundierung sowie 3. die interkulturelle Abgrenzung:

1. Kultur prägt ohne weitere Differenzierung das Leben eines ganzen, in sich homogenen Volkes,

2. Kulturen sind an Völker gebunden. Sie sind „die Blüte“ (Herder) das Daseins eines Volkes,

3. auf der Basis von Kultur grenzen sich Völker voneinander ab.

Dass ausgerechnet die politisch motivierten Kritiker heutzutage auf Herders Definition zur Abgrenzung der „Anderen“ rekurieren, ist bei weitem kein Zufall, sondern vielmehr eine bewusste Renaissance. Er findet in der deutschen Geschichte selbst seine Vorläufer.

Unter dem prägenden Einfluss der europäischen Romantik im frühen 19. Jahrhundert bildete sich eine Art „romantischer Nationalismus“ (Nipperdey) heraus, der noch die gesamte Epoche hindurch bestimmend werden sollte. Die Grundannahmen dieser ersten Nationalisten bestanden darin, dass alle Kultur national zu verstehen sei und sich eine Nation ausschließlich über ihre Gemeinsamkeit der Kultur definieren könne. Diese Ansicht kontrastiert den politischen Nationalismus der französischen Revolution, der die Nation demokratisch auf Staatsbürgerschaft und Volkssouveränität gründet.

Die Einheit von Nation, Volk und Kultur

Für die Romantiker hingegen stand der nationale Charakter der Kultur im Zentrum der intellektuellen Aktivität wie des emotionalen Engagements. Das Eigene erschien ihnen vor allem in der gemeinsamen deutschen Sprache. Sie sei der Schlüssel zum Geist des Volkes, da mit ihr und in ihr eine unverwechselbare „Welt-Anschauung“ zum Ausdruck komme. Die Wörterbücher zu jener Zeit, wie etwa das vielbändige von Jacob Grimm, verweilten nicht lediglich bei einer schlichten Worterläuterung, sondern hatten den Anspruch die etymologischen Wurzeln deutschen Sprachgebrauchs freizulegen. Die damit verfolgte Absicht, die sich auch in den zahlreichen philologischen Vereinen zur Pflege der deutschen Sprache widerspiegelte, war das Deutsche von fremden Einflüssen wie dem Latein „zu reinigen“.

Ein weiterer Bezugspunkt für die romantischen Nationalisten war die Geschichte, und zwar in erster Linie positive historische Ereignisse und Erscheinungen. So fand regelrecht eine Überhöhung des Germantums statt, indem die noch unverfälschten und „reinen“ Sachsen oder Teutonen als wahrhaftig und ehrenhaft dargestellt wurden. Einhergehend mit dem historischen Interesse versuchte man die ursprünglichen Sitten, Gebräuche und Vorstellungen der einfachen germanischen Völker herauszudestillieren. In konzentrierter Form wurde damit in den im 19. Jahrhundert unzählig veröffentlichten „Volksgeschichten“ und „Volksliedern“ ein lebendiges Bild des wahren Deutschen gezeichnet.

Auch in der Kunst ist diese romantisch-verklärte Sicht auf die Einheit von Nation und Volk zu erkennen. Der Kölner Dom beispielsweise fand trotz konfessioneller Unterschiede deshalb so viel allgemeinen Zuspruch, als Nationaldenkmal zu fungieren, weil der gotische Stil angeblich ursprünglich deutsch gewesen sei, zumindest jedoch den Charakter des deutschen Volkes am besten ausdrücke. Diese Kulturversessenheit setzte sich weiter im Schulwesen fort. Das nationale Erbe erwuchs von nun an zum zentralen Inhalt der Erziehung und Bildung.

Durch die Ausformung zu einem kulturellen Nationsbegriff gewann der romantische Nationalismus schließlich politische Bedeutung. Die Konstruktion einer gemeinsamen kulturellen Identität verlangte fast schon zwangsläufig nach einem einheitlichen Staat mit klaren nationalstaatlichen Grenzen. Der Staat sollte einen schützenden Raum bieten, in welchem sich die Individuen erst richtig als Nation fühlen könnten. Die Transformierung der vorher nur gedanklich erfahrbahren „kulturellen“ Grenze in eine sichtbare, gegenständliche Landesgrenze sollte primär durch Exklusion der und Abschottung vor Fremden die eigene kulturelle Identität sichern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verband sich der romantische Nationalismus mit der Idee der Volkssouveränität und den liberalen Freiheitsrechten und wurde schließlich legitimierende Idee und treibende Kraft auf nationale Selbstbestimmung.

Ursprünglich hatte der romantische Nationalismus zwar universalistische und humanitäre Wurzeln, im Verhältnis zu Minderheiten verhielt er sich indes ambivalent. So gab es zum einen den Geist der Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Sprachen und Identitäten, der die Minoritäten mit dem deutschen Nationalstaat versöhnen sollte. Zum anderen jedoch herrschte eine große Furcht, dass gerade diese Minoritäten den Bestand der Homogenität und sprachlichen Einheit bedrohen könnten. Dies hatte mitunter eine rigorose Sprachpolitik zur Folge, die sich am Beispiel der Judenemanzipation im 19. Jahrhundert deutlich zeigt: Einerseits wurden jüdische Gemeinden zunehmend in ihrer „Andersartigkeit“ toleriert und sogar gesellschaftlich akzeptiert, andererseits geschah dies erst dann, als der sprachliche und bürgerlich-kulturelle Homogenitätsanspruch erfüllt war, der forderte, in den Gemeinden deutsch zu sprechen und nach einem bürgerlichen Bildungsideal zu streben.

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