Islamdebatte

Identitätsbildung auf Kosten anderer Muslima und der Integration überhaupt

Der Mensch wird nicht allein schon deshalb zum individualisierten „Selbst“, weil er im Laufe des Lebens bestimmte Erfahrungen und Dispositionen gemacht oder Gewohnheiten angenommen hat. Er ist mehr als die Summe seiner Lebenslaufteilchen. Das Selbstbild, was der Einzelne von sich hat, wird erst durch die Reaktion des sozialen Gegenübers auf bestimmte Verhaltensweisen erzeugt wie in einem Spiegel. Sobald eine Gruppe eine Handlung einer Person zurechnet, indem sie ihn als Urheber dieser Tat ausweist, nimmt das Spiegelbild Konturen an. Dass dabei nie die gesamte Totalität des Lebens abgebildet werden kann, sondern immer nur als eine Selektion von Selbst erscheint, ist evident. Weniger bewusst ist einer Person, dass die von ihm übernommenen Selbstbilder, welche in verschiedenen Lebenskontexten erscheinen, nicht allein aus schöpferischer Eigenleistung entstehen. Das Selbstbild wird vielmehr im institutionellen Zusammenhang von den Anderen konstruiert. Vielleicht wird das Individuum sogar erst durch die Gruppe dazu veranlaßt sich konstruieren zu lassen.

Wenn die Autobiografie aber einen besonderen Fall von Selbstwerdung im gesellschaftlichen Kontext darstellt, dann sind diese Zeugnisse eben mehr als nur bloße Reproduktion oder Bewältigung von Vergangenheit. Sie sind ein Mittel zur Selbstidentifikation. Grundsätzlich erscheint diese Form der Identitätssuche durchaus normal und legitim. Eine Person oder ein Kollektiv wegen einer Ungerechtigkeit öffentlich zu bezichtigen, um ein positives Urteil von einer Mehrheit zu bekommen ist nichts außergewöhnliches.

Irritationen rufen die Autobiografien deshalb hervor, weil sich die Autorin mit ihrer Anklage gegen den Islam zur Stellvertreterin einer Gesamtheit macht, nämlich allen muslimischen Frauen in Deutschland – oder zumindest „jeder zweiten“ (s.o.). Die vielen Familien islamischen Glaubens, in denen die Frau „die Hosen an“ hat oder zumindest nicht misshandelt wird, werden dadurch ausgeblendet.

Alle Moslems schlagen ihre Frauen

Doch nicht nur die Muslima, in dessen Namen die Anklägerin postuliert, wird als vermeintlich monolithischer Block dargestellt. Auch der Angeklagte erscheint als homogene gewaltbereite Masse, die sich aus muslimischen Hausvätern und männlichen Verwandten zusammensetzt. Mit diesem „Manöver zur Selbsterhöhung“ nimmt die gewöhnliche Bezichtigung, die regelmäßig zu einem Normalitätsurteil der Adressaten führt, eine sonderbare Gestalt an.

Zunächst verschwindet die Autorin im Laufe ihrer Biografie hinter dem Kollektiv, deren Sache sie sich angenommen hat. Sie verteidigt nicht nur sich, sondern nimmt die Position einer offiziellen Sprecherin ein, und zwar hier für die Minderheit muslimischer Frauen. Vor allem in den letzten Kapiteln dagegen,  also in der „Befreiungsphase“, wird die Bedeutung ihrer Person wieder erhöht, indem sich die Autorin im Stile einer Heldin geriert. Da sie Bezichtigende und Opfer zugleich ist, muss sie ihren eigenen Fall mit einem allgemein anerkannten Anliegen verbinden, so dass der Einzelfall exemplarisch wird. Ein solches Anliegen wird von der Autorin dadurch konstruiert, dass alle muslimischen Frauen sich von den Fesseln der patriarchalisch-islamischen Gesellschaft befreien wollen, aber nicht in der Lage dazu sind. Schließlich findet eine Überhöhung des Angeklagten statt. Der Vater, Bruder oder Cousin, der die Autorin geschlagen und misshandelt hat, wird als Stellvertreter für den Islam heraufbeschworen. Wie alle anderen Männer islamischen Glaubens handele er nach religiösen Geboten, die solche Misshandlungen befehlen würden; er sei daher nur ein Werkzeug eines gewaltverherrlichenden Islam.

Festzuhalten bleibt: Das „Martyrium muslimischer Frauen“ (Beck-Gernsheim) in autobiografischer Prosaform ist deshalb kontraproduktiv, weil es durch Pauschalierung und Selbsterhöhung muslimische Minderheiten stigmatisiert und ausgrenzt. Sich der Verteidigung einer Sache anzunehmen, deren Opfer man selbst ist, und als Privatperson die öffentliche Meinung zu befragen ist nicht von vornherein falsch. Ist die Angelegenheit jedoch einer häuslichen Logik untworfen und mitnichten eine Allgemeinerscheinung aufgrund eines religiösen Bekenntnisses, so wird der Leser oder die Leserin irritiert. Von der Öffentlichkeit dann zu verlangen, dass ein Urteil gesprochen werde, ist sogar gefährlich.

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