Islamdebatte

Die muslimische Anklägerin – Leidensberichte als Kassenschlager

Der Buchmarkt boomt. Dies gilt jedenfalls für eine in den letzten Jahren aufgekommene Literaturgattung: Autobiografien muslimischer Frauen, die von ihrem ganz persönlichen Schicksal berichten. Der Handlungsstrang dieser Leidensgeschichten folgt dabei einem schlichten dramaturgischen Muster – Unterdrückung, Flucht und Befreiung. Mit Titeln wie „Erstickt an euren Lügen: Eine Türkin in Deutschland erzählt“,“Mein Schmerz trägt deinen Namen: Ein Ehrenmord in Deutschland“ oder des Bestsellers „Die fremde Braut: Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“ wird den potentiellen LeserInnen suggeriert, wie schlimm es doch um die Lage der Frauen mit Migrationshintergrund steht. Im Mittelpunkt der Anklage steht zumeist ein einseitig konstruierter Islam, der mit samt seinen patriarchalen Herrschafts- und Machtansprüchen die Frauen gewaltsam unterdrückt.

Keine Frage, Ehrenmorde, Zwangsheiraten und Gewalt in despotischen Familienstrukturen sind menschenverachtend und auf das Schärfste zu verurteilen. Politik, Medien und die Zivilgesellschaft dürfen solche von Männern beherrschte „Staaten im Staate“ nicht dulden und sind zum Handeln aufgerufen.

Aber sind diese Auswüchse sozialer Abarten wirklich die Regel in islamisch geprägten Familien in Deutschland? Oder handelt es sich um schlimme Einzelschicksale, deren Leidensmanuskript dankbar vom Verleger angenommen und – garniert mit einer „Extra-Portion“ Schmerz und Dramatik – in Buchform publiziert wurde? Der Klappentext eines ausgewählten Buchs spricht für Ersteres: „Zwangsheirat ist kein Randphänomen: Jede zweite Türkin in Deutschland gibt an, ihre Eltern hätten den Ehepartner für sie ausgesucht, jede vierte kannte ihren Mann vor der Hochzeit nicht.“ Ein dämonisches Bild, wenn tatsächlich jede zweite Türkin in Deutschland „zwangsverheiratet“ wird. Nach Fundstellen zu empirischen Untersuchungen, die diese Aussage belegen könnten, sucht man dann jedoch vergeblich im Buch. Entweder wurde also, um den Lesefluss nicht zu stören, auf den Nachweis von repräsentativen Umfragen verzichtet oder es gibt sie einfach (noch?) nicht. Der Anschein spricht für letzteres.

Helfersyndrom mit moralischem Überlegenheitsanspruch

Durch ihre spezielle Form der Selbstthematisierung wirken die Autorinnen aber noch darüber hinaus. Die Bücher besitzen eine moralische Dimension. Der Mehrheitsgesellschaft wird mit Titeln dieser Art die Funktion eines Werte-Wächters zugeschrieben. Die damit transportierte Message könnte auch lauten: Seht her, ich habe mich selbst befreien können, aber wie steht es mit den ganzen anderen muslimischen Frauen, die noch unterdrückt werden in Deutschland? Dieser Stachel sitzt tief. Haben wir denn nicht bereits den Emanzipationserfolg der Frau gefeiert, der uns mit Unterstützung der glorreichen 68er-Bewegung auf ein höheres kulturelles Niveau gehoben hat? Augenscheinlich nicht, sollte die Anklage der Autobiografinnen ernst genommen werden. Das ruft ein starkes Gefühl der Empörung hervor – man fühlt sich verantwortlich, diesen Frauen zu helfen, sie zu befreien.

Die Soziologin Beck-Gernsheim sieht in diesem Wirkmechanismus eine Art Rückfall in kolonialistische Überlegenheitsansprüche. Die Autobiografien konstruierten ein moralisches Gefälle zwischen der westlichen Gesellschaft und dem islamischen Rest, wobei der Westen die Rolle des Freiheitskämpfers einnehmen muss. Ein Selbstbild, das einem nach Jugoslawien, dem Irakkrieg I, II und Afghanistan durchaus entgegenkommt. In dieser Rolle können wir uns wieder wohlfühlen. Doch können wir, wollen wir das wirklich? Bevor man sich hiermit auseinandersetzt und dazu kommt, sich mit seiner eigenen fragilen (Kollektiv-)Identität beschäftigen zu müssen, erscheint es zunächst leichter den Ball zurück zu spielen:

Könnte es sein, dass hinter solchen öffentlichen Selbstinszenierungen nicht der große Wunsch einer Autorin nach Anerkennung und Identitätsbildung steckt? Interessant ist dabei, welche Schwierigkeiten und Risiken die Autorinnen mit der Publikation in Kauf nehmen. Einerseits müsste eine öffentliche Bezichtigung der eigenen Familie oder des Ehemanns doch die akute Gefahr eines privaten Rachefeldzuges bergen, mindestens jedoch als „Nestbeschmutzer“ zu gelten. Andererseits begibt sich die Autorin in eine Situation des Sich-Auslieferns an die Öffentlichkeit. Ein jeder ist nun in der Lage in die Tiefen ihrer Seele zu schauen und sich ein ganz persönliches Urteil über ihre Person zu bilden. Es scheint, als ob hier ein tieferes menschliches Phänomen wirkt, das imstande ist, diese Wagnisse zu relativieren.

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