Prolog

Ein Gerichtstag in Athen

Man stelle sich 1500 Männer vor, die sich am Morgengrauen in einem großen offenen quadratischen Gebäude versammelt haben.

Sie sitzen auf Holzbänken, alle bekleidet mit den für athenische Bürger typischen weißen Umhang aus Schafwolle. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Jeder gestikuliert wie wild mit seinem Sitznachbarn über den heute zu entscheidenden Fall. Fest umklammern sie ihre beiden Stimmsteine, mit denen am Ende über Recht und Unrecht, heute sogar über Leben oder Tod entschieden wird.

Die vier durch Los ermittelten Vorsitzenden und Gerichtshelfer schließen die letzten Vorbereitungen ab. Urplötzlich wird es still. Die Streitsache wird aufgerufen: Ergokles, ein großer Feldherr, soll während einer Auslandsmission öffentliche Gelder von mehr als 30 Talenten veruntreut haben. Nachdem der Kläger in einem mitreißenden Plädoyer versucht hat die Geschworenen zu überzeugen, ist nun Ergokles an der Reihe. Er wiegt sich in Sicherheit, da er bereits viele Richter mit Geldern bestochen hatte. Unmittelbar nach den Reden folgt die Entscheidung. Die Richter bewegen sich langsam zu den Tongefäßen und werfen ihre Stimmsteine ein. Die Urteilsverkündung: Ergokles wird zum Tode verurteilt wegen „unredlicher Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten“. Das Plädoyer des Klägers, vorbereitet von dem großen Rhetor Lysias, zeigte seine Wirkung.

Freilich, nach heutigen Maßstäben würden wir dieses Verfahren nicht als gerecht oder rational bezeichnen. Ein ausgebildetes Beweisverfahren gab es nicht, der Redekampf der Parteien stand im Mittelpunkt des Prozesses. Der Ausgang des Rechtsstreits hing damit von der Glaubwürdigkeit des Redners und der Überzeugunskraft seines Vortrags ab. Doch mit heutigem Maß zu messen wäre überheblich. Dass der Souverän in Form der Geschworenenrichter in einem demokratischen Verfahren entschied, kann nicht nur als wesentlicher Fortschritt auf dem Weg zur Moderne betrachtet werden. Es war zugleich die Grundsteinlegung für die demokratische Staatsform überhaupt.

Zielstellung und Gerichtsordnung

Wir, Perikles und Sokrates, möchten mit dieser Internetseite eine moderne Form der Heliaia bieten und mit unseren Vorträgen zum Diskurs aufrufen. Im Gegensatz zu den attischen Rednern geht es uns dabei weniger um geschickte Persuasion als mehr um das Aufzeigen von Entwicklungen, Konturen und Bewegungslinien von Gesellschaft und Politik.

Die Topoi, derer wir uns annehmen wollen, sind vielfältiger Natur. Das Internetprojekt zielt u. a. auf Themenfelder ab wie Bürgergesellschaft, Pluralismus, Geschichte und Kultur, transnationaler Kultur- und Wissenstransfer, Moral und Recht, Recht und Gesellschaft sowie Migration und Integration. Auch aktuelle politische Ereignisse oder gesellschaftliche Zustände werden von uns aufgegriffen. Von vornherein festlegen möchten wir uns aber nicht.

Wir verfolgen weder ein ideologisches Ziel noch lassen wir uns einer bestimmten Interessengruppierung zuschreiben. Unser Verständnis von einem friedlichen Zusammenleben beruht auf der Achtung der Menschenrechte sowie einer basisdemokratischen und pluralistischen Zivilgesellschaft. Die Artikel des Grundgesetzes sehen wir dabei nicht nur als abstrakt-generelle Regelungen und leere Worthülsen an, sondern als gesellschaftlichen Konsens über eine gerechte Ordnung verschiedener Individuen und Gemeinschaften. Jenseits eines romantisch-verklärten Weltbildes begreifen wir uns insofern als Realisten. Einen überstrapazierten und ethisch aufgeladenen Konsens im Sinne einer „Kollektividentität“ herbeizuführen, ist unseres Erachtens illusorisch und auch nicht erstrebenswert. Meinungen, Ansichten, Streit, Diskurs und Konflikte – all das gehört unabdingbar zu einer gesunden demokratischen Kultur. Der Einzelne existiert nicht für sich allein neben all den anderen Menschen. Er ist vielmehr Zeit seines Lebens  eingebettet in bestimmte soziale Kontexte und Lebenswelten. In diesen Interaktionsverhältnissen bezieht sich der Mensch auf das Außen und ist dadurch erst fähig, einen inneren Selbstbezug herzustellen. Dieser Selbstbezug kann sich hingegen auch in Ablehnung und Negation ausdrücken.

Es geht uns aus diesem Grunde – juristisch formuliert – um praktische Konkordanz, also ein Diskurs, der die im Einzelfall widerstreitenden Ansichten und Weltanschauungen in Ausgleich bringt, ohne damit der einen oder der anderen Meinung ihren Anspruch auf Geltung abzusprechen. Streit ist folglich erwünscht – nicht im Sinne eines destruktiven Kampfes, sondern eines Miteinanders im Dissens.

Die Globalisierung stellt die Politik und insbesondere den Einzelnen vor immer neuen Herausforderungen: Die Bedeutung von Zeit und Raum schrumpft, einst definierte Grenzen werden indifferent und durchlässig. Zwischen den nationalen Räumen zirkulieren und fluktuieren stattdessen vielfältige Interessen und Werte. Nicht mehr die geografische Distanz bestimmt dabei die Zirkulationsgeschwindigkeit – es ist der Grad der Vernetzung einzelner Akteuren und Gruppen im globalen Kontext. Es findet aber nicht nur ein beschleunigter Transfer von Vorstellungen, Dingen oder Ideen statt, sondern auch von Menschen. Ein transnationaler Lebenslauf ist für viele, auch und erst recht in Deutschland, unlängst Realität.

Kurzum: Das Zusammenleben im global village hat die Gesellschaft verändert. Sie ist vielfältiger geworden – und zwar in jeder Hinsicht.

Diese neue Wirklichkeit mag einigen als Belastung vorkommen. Wir dagegen sehen die gesellschaftlichen Umwälzungen nicht nur als Herausforderung an, sondern vielmehr als Chance auf Bereicherung. Nach unserer Ansicht steht dabei nicht ausschließlich der Konflikt zwischen unterschiedlichen Überzeugungen und Interessen im Vordergrund. Es stellt sich nicht die Frage nach dem survival of the fittest irgendeiner Nation, Kultur oder Lebenskonzeption. Ebenso wenig glauben wir an die Utopie einer Weltgesellschaft glücklicher pazifistischer Individuen.

Unserem Verständnis nach heißt das Phänomen „Globalisierung“ so zu nehmen, wie es uns im Alltag begegnet: ein manches Mal zu hektisch, ein anderes Mal zu fremd und ein weiters Mal zu laut – doch immer wie ein Spiegel, um sich selbst zu reflektieren, zu überprüfen und sich häufiger zu Fragen: Wer bin ich eigentlich, was macht mich aus und vor allem, wo will ich noch hin? Die Welt und ihre Menschen präziser beobachten, den eigenen Richtigkeitsanspruch darauf, wie die Welt auszusehen hat, einzutauschen gegen eine Wahrnehmung von der Welt, wie sie wirklich ist.

Alle Heliasten, die sachlich mitdiskutieren möchten, sind dazu herzlich eingeladen!

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